Aufrüsten bitte! Aber für zivil...

8.6.2017

Unter diesem Motto findet am 27. Juni in Halle die Abschlussveranstaltung des Bildungsprojekts „zivil statt militärisch“ statt. Agnes Sander, Referentin im Projekt und ehemalige Fachkraft des ZFD, gibt im Interview einen Einblick in ihre Arbeit und zeigt auf, warum Zivile Konfliktbearbeitung im Ausland Bildungsarbeit in Deutschland braucht.
 

Seit 2013 informiert die Projektstelle „zivil statt militärisch“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) Jugendliche und Erwachsene in Deutschland über Chancen und Grenzen ziviler gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Ausland. Im Juli 2017 läuft das Projekt aus. Es ist also an der Zeit, Resümee zu ziehen. Im Rahmen der Abschlussveranstaltung „Aufrüsten bitte! Aber für zivil…“ werden Erfahrungen aus der Bildungsarbeit des Projekts und Beispiele aus der Zivilen Konfliktbearbeitung vorgestellt und diskutiert. Gleich zwei ehemalige Fachkräfte des ZFD kommen zu Wort: Susanne Wienholt-Kall war als ZFD-Fachkraft in Uganda, Agnes Sander in Kamerun.

Agnes Sander arbeitet seit ihrer Rückkehr aus Kamerun als Friedensbildungsreferentin im Projekt „zivil statt militärisch“. In den vergangenen vier Jahren hat sie ihre Erfahrungen in Ziviler Konfliktbearbeitung in Schulen, Jugendgruppen, Kirchengemeinden, auf Konferenzen und Tagungen in Deutschland vorgestellt. In unserem Interview gibt Agnes Sander, Einblicke in die Ziele und Inhalte von „zivil statt militärisch“ und beschreibt, warum Zivile Konfliktbearbeitung im Ausland Bildungsarbeit in Deutschland braucht.

Die Abschlussveranstaltung „Aufrüsten bitte! Aber für zivil...“, findet am 27. Juni 2017, von 16 bis 18 Uhr (mit anschließendem Austausch) in der Christlichen Akademie, Fährstraße 6, 06114 Halle (Saale) statt. Anmeldungen sind bis zum 20. Juni 2017 über Agnes Sander per E-Mail (sander [at] friedensdienst.de) oder telefonisch (unter 0345 / 27980756) möglich. Weitere Informationen finden Sie hier.
 


 

Was war Inhalt Ihrer Arbeit als ZFD-Fachkraft in Kamerun?

Agnes Sander: Ich war von 2010 bis 2013 in der Jugendbildungsarbeit in Yaoundé, Kamerun tätig. Das Ziel meiner Arbeit waren die Gewalt- und Konfliktprävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Meine Stelle war beim evangelischen Kirchenrat angesiedelt, der Dachorganisation für die elf größten evangelischen Kirchen Kameruns. Gemeinsam mit meinem kamerunischen Counterpart habe ich Mitarbeitende der Mitgliedskirchen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, in Methoden der Zivilen Konfliktbearbeitung aus- und fortgebildet und in ihrer weiterführenden Arbeit innerhalb ihrer Kirchen begleitet. Darüber hinaus haben wir Netzwerke zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit beraten und unterstützt.

 

Was waren Inhalte und Ziele Ihrer Arbeit im Projekt „zivil statt militärisch“?

Agnes Sander: Bei dem Projekt „zivil statt militärisch“ ging es darum, Methoden, Ansätze und praktische Beispiele der Zivilen Konfliktbearbeitung im Ausland im Rahmen von Bildungsveranstaltungen in Deutschland bekannt zu machen. Ziel war es, darüber zu informieren, dass es professionelle und wirksame Alternativen zu militärischen Interventionen gibt. Gleichzeitig wurden neben den Chancen und Möglichkeiten Ziviler Konfliktbearbeitung auch immer deren Grenzen diskutiert. Die Bildungsarbeit von „zivil statt militärisch“ setzte bei Menschen in Kirchengemeinden, Lehrer_innen, Schüler_innen und anderen Jugendlichen an. Im Rahmen des Projekts wurden diese Menschen nicht nur als Teilnehmende an Bildungsveranstaltungen verstanden, sondern auch als politisch agierende Menschen, die militärische Konfliktlösungen infrage stellen und zivile und gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten einfordern können.

 

Wie haben Sie das Wissen aus Ihrer Zeit im ZFD im Projekt „zivil statt militärisch“ angewendet?

Agnes Sander: Ein Kernelement der Bildungsarbeit im Rahmen des Projekts war die Tatsache, dass ich selber aus der praktischen Friedensarbeit komme und meine Erfahrungen einfließen lasse. Da ich mich während meiner Zeit im ZFD vor allem mit dem Thema Jugendgewalt und generell der Situation Jugendlicher in afrikanischen Ländern befasst habe, konnte ich mit diesem Thema gut an Lebensrealitäten Jugendlicher in Deutschland anknüpfen und Brücken bauen zu Themen, die für Jugendliche hier in Deutschland wichtig sind. Teil meiner Arbeit war auch der Aufbau eines Pools von Rückkehrer_innen aus dem ZFD, die für die Bildungsarbeit in Deutschland zur Verfügung stehen, um ihre praktischen Erfahrungen in Ziviler Konfliktbearbeitung ebenfalls weiterzugeben. Bei unseren jährlich stattfindenden Treffen habe ich in der Begegnung stets neue Beispiele aus dem ZFD kennengelernt, die ich gut in meine Bildungsarbeit einbringen konnte.

 

Was konnten Sie mit dem Projekt „zivil statt militärisch“ erreichen?

Agnes Sander: Fast alle Gruppen, mit denen ich gearbeitet habe, hatten vorher noch nie vom ZFD oder auch von Methoden der Zivilen Konfliktbearbeitung gehört, die in Krisen- und Konfliktgebieten angewendet werden. Das Minimalziel jeder Veranstaltung war, dass die Teilnehmenden am Ende wissen, dass Möglichkeiten Ziviler Konfliktbearbeitung bei Gewaltkonflikten existieren und funktionieren. Es ging darum, eine Idee davon zu bekommen, wie die Arbeit im ZFD konkret aussieht, welches Konfliktverständnis dahintersteckt, und warum mit militärischen Mitteln nicht an Konfliktursachen gearbeitet werden kann.

Sowohl Jugendliche als auch Erwachsene werden häufig von den Nachrichten zu internationalen Krisen und Konflikten überrollt. Als einziger Weg, von deutscher Seite aus Verantwortung zu übernehmen, scheint häufig der Rückgriff auf militärische Einsätze. Dem konnten wir ein erweitertes Verständnis entgegensetzen, indem wir gezeigt haben, wie und dass gewaltfreie Konfliktbearbeitung funktioniert. Ziel war es zu vermitteln, dass jeder Konflikt einen ganz eigenen Zugang benötigt, dass die Lösungen genauso komplex sind wie die Ursachen und dass nachhaltige Arbeit an Konflikten nur mit langfristigen Perspektiven und gewaltfreien Zugängen möglich ist.

 

Warum ist das Thema für die Bildungsarbeit in Deutschland wichtig?

Agnes Sander: Kinder, Jugendliche und Erwachsene erfahren täglich über Internet, Radio, Fernsehen und Zeitungen von internationalen Krisen und Konflikten, die gewalttätig ausgetragen werden. Geflüchtete, die ihr Land verlassen müssen und nun versuchen, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen, führen uns die Auswirkungen von Gewaltkonflikten zusätzlich vor Augen. Doch über die Medien lernen wir als Möglichkeit der Konfliktbearbeitung meist nur militärische Mittel kennen. Das Thema Gewaltprävention spielt im öffentlichen Diskurs so gut wie keine Rolle. Positive Beispiele der Konfliktbearbeitung machen keine Schlagzeilen. Obwohl wir wissen, dass Militärinterventionen ihr Ziel verfehlen und nicht zu einer nachhaltigen Stabilisierung von Krisen beitragen, scheint es – gemessen an dem, was die Medien vermitteln – keine Alternative zu geben.

Erfahrungen mit Ziviler Konfliktbearbeitung zeigen aber sowohl im In- wie im Ausland, dass gewaltfreie Konfliktbearbeitung möglich ist. In Deutschland verfügen wir über gute Instrumente und Programme Ziviler Konfliktbearbeitung (ZKB) wie zum Beispiel den ZFD. Dies ist aber viel zu unbekannt. Wirkliche Wirkung kann der ZFD nur entfalten, wenn er sehr viel besser ausgestattet und damit auch auf eine breitere Basis gestellt wird. Bildungsarbeit zu Ziviler Konfliktbearbeitung ist gleichzeitig auch Lobbyarbeit für dieses Thema. Wir brauchen in Deutschland mehr Menschen, die wissen, was ZKB ist, wie sie vorgeht und warum es sinnvoll ist, Gewaltkonflikte gewaltfrei zu bearbeiten und stärker in Gewaltprävention zu investieren.