Der ZFD trauert um Anni Wilkens

30.8.2017

Mit großer Trauer und Bestürzung müssen wir mitteilen, dass unsere ZFD-Fachkraft Anni Wilkens am 2. Juli im Alter von 35 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist.

Anni Wilkens nahm ihre Arbeit als ZFD-Fachkraft im November 2016 auf. In Sierra Leone unterstützte sie die Young Men’s Christian Association (YMCA), eine Partnerorganisation des ZFD in Freetown. Anni Wilkens war dort in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit tätig, um die Arbeit der YMCA landesweit bekannter zu machen. Zuvor hat sie Politikwissenschaften studiert, arbeitete von 2013 bis 2016 im Bereich der Humanitären Hilfe und bereitete sich dann auf ihre Vermittlung als ZFD-Fachkraft nach Sierra Leone vor.

Anni Wilkens hat sich mit sehr viel Freude, Empathie und Engagement in die YMCA eingebracht. Sie war ein sehr warmherziger, fröhlicher und gläubiger Mensch. Davon spricht auch der unten folgende Blogbeitrag, in dem Anni noch im Juni 2017 ehemalige Kolleginnen und Kollegen bei Caritas International an ihrer Sicht auf die Welt und ihren Eindrücken aus Sierra Leone teilhaben ließ:

Wie Hunde

Von der „heilen Welt“ in Deutschland zu einem Entwicklungshelfereinsatz in Sierra Leone – es gibt viele Dinge, an die ich mich an meinem neuen Arbeitsort gewöhnen muss. An einige Dinge jedoch möchte ich mich auch gar nicht gewöhnen.

Es ist ein herrlicher Sonntag. Gerade bin ich von Freetown nach Leicester Peak, den höchsten Punkt Freetowns, vier Stunden hoch gepilgert und tanke wieder Kraft auf dem Gelände der St. Paul Kirche. Direkt vor mir blicke ich auf ein Häuschen, an dessen Wand sich der Müll stapelt: zahlreiche leergetrunkene Trinkwasserbeutel, Plastikgabeln, Mangoschalen, Plastik, Plastik und noch mehr Plastik. Dennoch versuchen Hunde ihr Glück und stecken, in der Hoffnung auf Essensreste, ihre Schnauze in den Müll.

Es vergehen ein paar Minuten, und ich lasse die Hunde ihre Arbeit verrichten. Mein Interesse gilt nun dem Treiben auf dem Hügel, auf dem ich sitze. Es wird gegessen, getrunken, Souvenirs werden eingekauft, Menschen ruhen sich aus, Kinder rennen herum. Fast vergesse ich, dass ich in einem der ärmsten Länder der Welt lebe. Als ich meinen Blick wieder auf die vor mir liegende Müllhalde richte, traue ich meinen Augen kaum. Kinder haben den Platz der Hunde eingenommen und suchen nach Essensresten oder Wiederverwertbarem.

Dieses Bild muss ich erst mal sacken lassen. Eine Plastiktasche über die Schulter geworfen, stecken sie knietief gebückt im Müll, um mit ihren Händchen Essen zu finden. Das ist ein trauriges Bild aber es scheint für die Hundert Menschen um sie herum völlig normal zu sein. Ich kann und will mich jedoch nicht daran gewöhnen! Daher versuche ich einen Beitrag zu leisten, damit Sierra Leone sich entwickelt und es den Menschen, besonders den Jugendlichen und Frauen in diesem Land, eines Tages besser geht.

Seit November 2016 arbeite ich bei der lokalen Nichtregierungsorganisation Young Men’s Christian Association (YMCA) in Freetown und unterstütze hier das Kommunikationsteam auf verschiedenste Weise. Meine Kolleginnen und Kollegen sind nett und hilfsbereit, Integration und Einarbeitung fielen mir daher relativ leicht. Aber die tägliche Fahrt zur Arbeit, vorbei an bettelnden Kindern, Menschen mit Behinderung oder an den Cashew-Verkäuferinnen und Verkäufern aus den Armenvierteln, kann ich mich noch nicht gewöhnen. Zahlreiche Slum-Bewohnerinnen und Bewohner leben Haus an Haus, unter schlechten hygienischen Bedingungen, inmitten von Gestank und noch mehr Müll. Dieses Land belegt den 179. Platz von 188 auf dem Index der menschlichen Entwicklung (englisch Human Development Index, abgekürzt HDI) der Vereinten Nationen. Und ja, die Leute sind arm hier – aber nicht machtlos.

Was mich beeindruckt, ist die tägliche Disziplin. Morgens in der Früh aufstehen, Geld verdienen, den Tag meistern und morgen wieder von neuem. Fleißig sind hier die meisten, die ich kennen gelernt habe. Doch die Regierung ist eine unerfüllte Hoffnung … oder hinterlässt eine solche in der Zukunft. Als Vorbildfunktion versagt sie täglich. Nicht nur um 8:15 Uhr, wenn die eine Straßenhälfte für den Präsidenten und seine 14-köpfige Gefolgschaft gesperrt wird, weil der Herr flott ins Büro muss. Wer seine Position so früh am Tag und so offensichtlich missbraucht, kann kein gutes Beispiel für das Volk sein. Ihre Vorbildfunktion verspielt die Regierung jedoch auch mit den nichts-aussagenden Reden, die der Präsident hält und den vielen nicht eingelösten Versprechen. Im März 2018 sind Wahlen und die Hoffnungen sind groß, dass sich die Lebensbedingungen verbessern. Ich werde berichten…

 

Wir trauern mit ihren Eltern, ihren Brüdern und deren Familien, ihrem Lebenspartner, den Kolleginnen und Kollegen von YMCA sowie den Freundinnen und Freunden in Deutschland und Sierra Leone.