Prävention - Werte sind Kern der Arbeit

Prävention gilt nach den Terroranschlägen und Amokläufen der vergangenen Monate als Gebot der Stunde. Was verstehen wir unter Prävention in der Friedensarbeit? Hans Jörg Friedrich vom WFD spricht über Werte, Angst als Präventionsmotor und die Stärken des ZFD.

Nach den Terroranschlägen in Europa und den USA beschlossen die Regierungen zahlreicher Länder umfassende Präventionsmaßnahmen. Leben wir in einem neuen Zeitalter der Prävention?

Vor dem Hintergrund von Terror und Amokläufen bekommt Prävention schnell die Tendenz, ein Sicherheitsbedürfnis möglichst rasch und umfassend befriedigen zu wollen. Man möchte ein individuelles Ereignis, das überall auf der Welt geschehen kann, mit technischen Maßnahmen unmöglich machen. Das ist einer der Fälle, bei denen mir Prävention besonders unangemessen erscheint.

Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von Prävention sprechen?

In der Prävention sehe ich eine Bandbreite von Ansätzen. Wenn ein elder statesman nachts einen Anruf bekommt, und am nächsten Morgen ist er irgendwo in der Welt und trifft wichtige Akteure in einem bedeutsamen Konflikt, um in letzter Sekunde die Eskalation abzuwenden – das würde ich als Akut-Prävention bezeichnen. Am entgegengesetzten Ende des Spektrums sehe ich so etwas wie Global-Prävention. Das wäre zum Beispiel den Verzicht auf Waffenexporte. Nicht auf bestimmte Szenarien bezogen, aber mit weltweiter Wirkung. Und dann gibt es zwischen diesen beiden Polaritäten das Feld des ZFD. Nennen wir es Strukturelle-Prävention. Dabei stärken wir Friedenspotenziale so, dass sie in bestimmten potenziellen Krisengebieten handlungsfähig werden. Friedenskomitees sind ein Beispiel dafür. Das sind Orte der Prävention, und es ist nicht selbstverständlich, dass diese Orte existieren.

Auf welcher ethischen Basis können wir Präventionsmaßnahmen durchführen?

Das Tückische an Prävention ist, dass sie etwas Gutes erreichen will, aber kein primärer Wert ist wie Frieden. Sie bezieht sich abgrenzend auf etwas Negatives und ersinnt Strategien, das zu verhindern – flugs sind wir im politisch-technischen Feld und relativ weit weg von Werten und Menschen. Wenn Menschen in der Prävention vorkommen, dann besonders, weil sie Angst haben – vor Auswirkungen einer sich verändernden Welt. Wird Prävention von Angst angetrieben?Präventiv auf Angst zu reagieren ist kurzschlüssig und gebiert meiner Meinung nach entweder hilflose Gesten oder totalitäre Strukturen. Wollen wir auf angstauslösende Dinge wie Terror und Amokläufe ernsthaft präventiv reagieren, müssen wir sagen: wir streben längerfristig eine friedliche Gesellschaft an. Das ist ein langer Prozess, der auf den ersten Blick dem Akuten der Angst nicht gerecht zu werden scheint, aber sie doch ins Tätige wendet, wenn wir uns auf den Weg machen. Ein anderer Weg nachhaltiger Prävention beginnt mit der Angst, die aus der Konfrontation des Eigenen mit dem Anderen entsteht. Da ich den Terroristen selbst nie kenne und die globalen Dynamiken nicht durchschaue, konstruiere ich mit meiner Angst ein Feindbild. So etwas durch reale Begegnungen aufzulösen, ist das Anliegen von Konzepten gemeinsamer Sicherheit. Sie können eine große Kraft entfalten. So arbeiten wir in Guinea in gemeinsamen Workshops mit Gendarmerie und gewaltbereiten Demonstranten. Die Leute, die sich mit Knüppeln gegenüberstanden, reden jetzt miteinander, verstehen sich und entdecken sogar gemeinsame Interessen.

Brauchen wir als Teil von Prävention Werkzeuge im Umgang mit Angst?

Der unreflektierte Umgang mit Angst führt momentan zu einem neuen Autoritarismus. Der Sprung von der kaum mehr wahr genommenen Angst zur Meinung und Aktion ist eine Gefahr. Wichtig ist, dass jeder erst einmal für sich feststellt: Ah, ich habe Angst. Und dann allein und mit anderen dieser Angst nachspürt und einen Umgang damit findet. Dafür brauchen wir Räume und Methoden, ja.

Eine Expertise des ZFD in der Prävention besteht darin, Menschen wieder in Kontakt miteinander zu bringen. Ist das überhaupt sinnvoll, wenn der gesellschaftliche Kontext – sprich: die Ungerechtigkeit – bestehen bleibt?

Die ZFD-Erfahrungen scheinen darauf hinzudeuten, dass ein Wahrgenommen-Werden – jemand hört einfach mal zu – persönlich verändernd wirken kann, selbst wenn die anderen Kontextfaktoren genauso bleiben. Und nicht jeder Polizist in einem Unrechtsregime ist ein Unterdrücker, nicht jedes Gewaltopfer wird zum Rächer. Auch unter Bedingungen struktureller Gewalt gibt es offenbar Alternativen für das persönliche Handeln. Diese Unterschiede zwischen Individuen derselben sozialen Kategorie im selben politischen Kontext sind im realen Leben bedeutsam, die entwicklungspolitischen Konzepte haben davon aber keinen Begriff. Wer der strukturellen Gewalt zu Leibe rücken will, muss als Erstes diesen Begriff „dekonstruieren“ und die handelnden Menschen in ihrer Verschiedenheit, mit ihren Interessen und Bedürfnissen in den Blick nehmen.

Einen Wert bekommen – damit arbeiten auch extre­mistische Bewegungen, wenn sie Anhänger suchen. Welche Antwort können wir im ZFD darauf geben, mit welchen Werten?

Ich möchte unterscheiden zwischen Werten und Ideologien. Werte machen uns weich und offen für Wahrnehmungen, sie verflüssigen die Sprache. Wenn ich einen Wert vor mir hertrage, verkörpere ich ihn schon nicht mehr. Die Ideologien machen uns fest – ein attraktives Angebot beispielsweise für arbeitslose junge Männer des globalen Südens, die der Rolle des starken Familienernährers nicht mehr gerecht werden können. Ego und Ideologie halten sich dann aneinander fest.

Gibt es die Möglichkeit, dem etwas entgegenzusetzen? Welche Werte wollen wir?

Es ist leicht, auf die Menschenrechte zu verweisen. Aber sie sprechen nur den Intellekt an, und alles Erlebbare verschwindet hinter Kategorien wie Staatsbürger oder Indigene. Das sind wichtige Krücken für die Politik, Operationalisierungen von Werten. Werte sind tiefer drinnen, sie leiten den Kontakt zwischen Lebewesen, sie beeinflussen mich in meinen Entscheidungen, bevor ich sie rationalisiere. Ich habe wohlmeinende Leute kennengelernt, die den Polizisten autoritärer Regime Menschenrechte mit Powerpoint-Seminaren beibringen wollen. Das ist Schall und Rauch. Ein Gendarm, der plötzlich betroffen davon erzählt, dass er keine Freunde mehr habe und allein ins Bett geht, ist wichtiger für Demokratisierung als einer, der die Menschenrechtsgenerationen aufsagen kann.

Beziehung zwischen Menschen scheint bereits ein Wert an sich zu sein.

Ja, im vorherigen KOMPASS stand es: „Connecting Us Deeply“, sagte Khetokhule Kuhzwayo von unserem Partner SINANI in Südafrika. Und es gibt etwas, das den Werten innewohnt. Wer hat in diesem Zusammenhang von einem Glutkern gesprochen; Ernst Bloch? Der Glutkern steckt in den Menschenrechten drin, er gibt ihnen die Energie. Es gibt Worte, die diesen beschreiben. Die Würde ist eines davon. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wer kann das eigentlich definieren, die Würde? Aber letztlich leiten sich alle Werte daraus ab, und bei Zielkonflikten zwischen all diesen Menschenrechten muss man sich wieder darauf besinnen. Im christlichen Kontext – und wir stehen ja alle auf 2000 Jahre christlichem Diskurs – ist es Liebe. Paulus erklärt sehr gut, wie ohne Liebe alle guten Taten nichts wert sind. Bei den Indigenen Südamerikas opfert man der Pacha Mama, von der man gleichzeitig ein Teil ist. Das ist der Kern unserer Arbeit. Wir müssen uns immer wieder auf das beziehen, was wirklich lebendig ist. Erst dann ist es möglich zu entscheiden, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Was brauchen wir für eine Zukunft der Prävention, die sich auf Werte stützt?

Vor kurzem hätte ich noch gesagt: Wir müssen den Gedanken struktureller Prävention durch Netzwerke lokaler Akteure in Risikoregionen mehr in die Politik hineintragen. Aber eigentlich sollten wir, wenn Prävention gelingen soll, von dem Begriff selbst wegkommen. Denn Prävention ist nie weit weg vom Sicherheitsdenken, und das wissen wir, da geht es um Ausgrenzung. Sie hat einen negativen Bezugspunkt, sie kommt technokratisch daher – kann man dafür brennen?  Prävention muss abgelöst werden durch Friedenspolitik.

Das Gespräch führten Anne-Doerthe Beer und Joachim Christoph Wehnelt

HANS JÖRG FRIEDRICH ist Bereichsleiter Internationale Programme im Weltfriedensdienst. Der Politikwissenschaftler ist Absolvent des DIE und Systemischer Berater (BIF).

Das Interview ist im Kompass Nr. 5 des Weltfriedensdienstes erschienen. Das Heft beschäftigt sich mit der Zukunft der Prävention in der Friedensarbeit und kann hier herunter geladen werden.